„Alles, was man gibt, bekommt man hundertfach zurück"

Der „Point d’Ancrage“ im Africanum in Freiburg ist viel mehr als ein wöchentlicher Mittagstisch für Asylbewerber und Sans-Papiers. Beratung, Begleitung und gemeinsames Lernen haben hier ihren Platz. Das konnten die Besucherinnen und Besucher auch beim Tag der offenen Tür erleben.


Point d'Ancrage
Bild: Junge Männer aus Afghanistan mit ihrer Lehrerin Brigitte van der Straten

„Beim Drachensteigenlassen vergisst man alle Probleme – gerade beim jährlichen Drachenfest, das ganz besonders für die Kinder ist. An diesem Tag sind wir vereint in Frieden und Freude", erläutert Khadem Ali Rahimi aus Afghanistan den etwa 100 Gästen beim Tag der Offenen Tür im Point d’Ancrage. Der Alltag in seinem Heimatland steht dazu in starkem Kontrast: „Explosionen, Entführungen und Zerstörung – die Leute können das kaum mehr ertragen." Brigitte van der Straten ist stolz auf die jungen Männer, die diese Tradition ihres Landes in einem Vortrag vorgestellt haben. Sie gibt als Freiwillige Französischkurse im Point d’Ancrage und hat mit ihnen den Vortrag ausgearbeitet und geprobt. „Für diese jungen Männer ist es ein persönlicher Erfolg vor einer Gruppe zu stehen und öffentlich in einer fremden Sprache zu sprechen." Dann steigen einige selbstgebastelte Drachen in den Himmel auf. „Das richtige Papier haben wir nicht finden können – dann haben wir einfach Plastik genommen. Das funktioniert auch", erklärt Younes Jafari.

Das Angebot in Zahlen

Die Zahlen aus dem Jahresbericht 2012 des Point d’Ancrage sind beeindruckend. Beim wöchentlichen Mittagstisch, zu dem jeden Mittwoch 70–100 Personen kommen, wurden im letzten Jahr 3500 Mahlzeiten verteilt. 500 Beratungsgespräche wurden wahrgenommen, 400 Hausbesuche oder Besuche in Zentren gemacht und 250 Behördengänge mit Flüchtlingen absolviert. Dazu kommen noch Gesprächsgruppen auf Französisch, Hausaufgabenbetreuung für die Kinder und Veranstaltungen zum Thema Gesundheitsvorsorge, die die 27 Helfer Menschen aus 26 Ländern anbieten. „Man kann hier menschliche Wärme und Geschwisterlichkeit erleben", betont Brigitte van der Straten. „Und alles was man gibt, bekommt man hundertfach zurück."

Die Gemeinschaft ist wichtig – gerade wenn man Familie, Freunde und alles Bekannte in der Heimat zurückgelassen hat. „Niemand würde das alles verlassen, wenn es in der Heimat eine Chance gäbe", so Younes Jafari, ein junger Afghane, der mit seiner Familie in Pakistan lebte. Über den Iran, die Türkei und Italien kam er in die Schweiz – erst nach Basel und dann nach Plasselb. Seit zwei Jahren wartet er nun auf die Entscheidung, ob sein Asylantrag bewilligt wird. Die Sehnsucht nach einem Zuhause und einem „Ankommen" spiegelt sich auch im Projekt von einigen Kindern wider, die mit dem Freiwilligen Alain Guillez, für den Anlass ein grosses Haus aus Pappkartons gebaut haben.

Kritische Stimmen

Heiss diskutiert werden an diesem Tag vor allem die Resultate der Volksabstimmung zur Asylgesetzgebung. „Ich bin konsterniert und traurig", so Pater Claude Maillard, der für die Animation und die Aussenbeziehungen des Zentrums verantwortlich ist. Besonders bedauert er, dass keine Asylanträge mehr auf Schweizer Botschaften gestellt werden können. Auch wünschte er sich, dass die Entscheidungen zu Asylverfahren transparenter wären und Kompetenzträger aus der Bevölkerung bei der Entscheidungsfindung beteiligt würden. Pater Jean-Pierre Barbery, der Hauptverantwortliche des Point d‘Ancrage, sieht gerade in der Schaffung von Bundeszentren für Asylbewerber und dem Verschwinden von kantonalen Zentren eine Gefahr: „So eine reiche Erfahrung, wie wir sie hier haben, wird dann kaum mehr möglich sein." Mit den neuerlichen Änderungen der Gesetzgebung sei die wahre Frage, in welcher Welt man leben möchte: „Wir bringen uns um den Reichtum und die Fülle anderer Kulturen, wir verlieren Menschlichkeit und die Möglichkeit, Menschen aus aller Welt kennenzulernen, bis wir uns nur noch unter Schweizern wiederfinden."

Geschichte

Der Point d’Ancrage ist auf das Engagement einer Gruppe gegründet, die im Jahre 2001 Sans-Papiers unterstützte, die Kirchenasyl in St. Paul im Schönberg in Freiburg erhalten hatten. 2008 wurde der Point d’Ancrage im Africanum bei den Weissen Vätern eröffnet und wird offiziell von der katholischen wie reformierten Kirche anerkannt. Finanziert wird das Projekt durch Spenden, Beiträge von Ordensgemeinschaften sowie katholischen und reformierten Pfarreien, Mitgliederbeiträgen des Vereins Point d’Ancrage und der katholischen kirchlichen Körperschaft des Kantons Freiburg (kkK).   

Christina Mönkehues

Publiziert: Juni 2013

Weitere Informationen:

P. Claude Maillard

c.maillard@africanum.ch