Interview mit Pfarrer Winfried Baechler

Ende August wird Pfarrer Winfried Baechler nach 50 Jahren als Priester, nach 45 Jahren Dienst in Freiburg und mit 75 Lebensjahren in den wohlverdienten Ruhestand treten. Einen kleinen Rückblick gibt er im Interview mit Christina Mönkehues-Lau.

Porträt Winfried Baechler

C: Lieber Winfried, dein Abschied rückt langsam näher. Wie geht es dir dabei?

W: Im Moment bin ich noch voll in der Arbeit: Beerdigungen, Taufen, Grossanlässe. Wahrscheinlich verdränge ich es im Moment noch ein bisschen. Ich lasse es einfach auf mich zukommen.

C: Vor deinem Abschied dürfen wir im Sommer aber noch dein 50. Priesterjubiläum feiern. Wie hat sich dein Amt im Laufe der Zeit geändert?

W: Als Vikar in Tafers und Freiburg habe ich „als Junger" ganz viel Jugendarbeit gemacht. Und auch der Religionsunterricht und die Katechese waren sicher Schwerpunkte. Dann ging es schnell über zum „Pfarrersein" mit vielen Ressorts und ich habe den Aufbruch der deutschsprachigen Gemeinschaft erleben dürfen mit Arbeitsgruppen und Kreisen, die sich regelmässig getroffen haben. Wenn man zurückschaut, kann man sagen: Wir hatten schon früh auf dem Papier, was dann später umgesetzt wurde: eine Diakoniegruppe, eine Erwachsenenbildungsgruppe, eine Liturgiegruppe … das war sicher eine schöne Zeit.

C: Da bist zu stark geprägt vom Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils?

W: Ja, es war einfach ein Aufbruch: Mitbeteiligung von allen zum Aufbau einer lebendigen Gemeinschaft. Vielleicht war es manchmal etwas zu stark organisatorisch. Aber es war sehr viel Power und Geist darin und wir hatten eine richtig gute Atmosphäre! Ich habe das immer sehr geschätzt, mit vielen Leuten zusammenzuarbeiten.

C: Was würdest du einem jungen Menschen raten, der sich heute mit dem Gedanken trägt, Priester zu werden?

W: Es ist ein schöner Beruf – mit allen Facetten! Ich persönlich habe viel lernen dürfen von der Religionspä­dagogik. Das hat mir auch meinen Zugang zur gesamten Theologie eröffnet. Man hat das Gefühl: Da ist man an der Front. Es ist eine suchende Theologie, wenn man sich fragt: Wie sage ich es einem Kind? Dann muss man sich auch selbst überlegen, was der Kern ist und wie man es in Worte fassen kann. Einem jungen Priester wünsche ich zunächst ganz viel Glauben, aber auch eine Theologie des Fragens und Nachdenkens. Ausserdem würde ich sagen: Schotte dich nicht ab von deiner Umgebung. Das ist wichtig. Es ist ein schönes grosses Amt in einer lebendigen Kirche, bei der man auch nicht voraussagen kann, wie sie sich entwickelt. Man sollte an die Kirche glauben, aber sie als Mittel zur Christlichkeit sehen.

C: Was heisst denn „Christlichkeit" für dich?

W: Jeder und jede soll die eigene Sendung finden. Ich habe sie als Vikar und dann Pfarrer gefunden, aber es gibt viele wichtige Berufungen. Für mich ist Jesus immer ein Vorbild und Hoffnungsträger. Vieles kann man nicht am himmlischen Jesus ablesen, sondern ganz konkret an dem, was vom irdischen Jesus erzählt wird. Seine Frömmigkeit und auch seine universale Menschenliebe, die nirgendwo halt macht. Als Konsequenz kommen dann schnell die Gewaltlosigkeit und die guten Werke. Und die Barmherzigkeit: Die menschliche Schwachheit gehört auch zu uns und wir dürfen alles – gerade wenn wir ein schlechtes Gewissen haben – dem Herrgott unterstellen. 

C: Ist aber auch eine herausfordernde Berufung. Wie verschaffst du dir Ausgleich?

W: Es gab Zeiten, da hatte ich sicher zu wenig Ausgleich. Ich versuche es im regelmässigen Gebet und manchmal in Exerzitien. Impuls und Antrieb waren sicherlich auch die Treffen der Schweizerischen Katecheten-Vereinigung und auch die Weiterbildungen der SeelsorgerInnen in Visp. Ausgleich kam aber auch schon von Anfang an durch Freundeskreise. Die Jubla Kantonsleitung war wirklich ein fester Freundeskreis, der immer weiter wuchs, aber damals als Präses konnte man leider nicht immer mit allen den Kontakt aufrecht erhalten. Eine gute Konstante ist auch mein eigener Freundeskreis. Das gibt mir Kraft! 

C: Du bist 45 Jahre in Freiburg tätig. Hast du nie über einen anderen Ort nachgedacht? 

W: Ich habe mich immer zufrieden gefühlt und war irgendwie froh, dass die anderen Priester nicht unbedingt in die Stadt wollten. Ausserdem hat sich ja vieles im Laufe der Zeit verändert. Ich war in unterschiedlichen Pfarreien tätig, es gab immer andere Teams und Aufgaben. Und in der Stadt ist man ständig daran, neue Leute kennenzulernen. Vielleicht ist das im Dorf etwas anders.

C: Was waren für dich Schwerpunkte? Was war dir wichtig?

W: Sicherlich der Religionsunterricht und die Theologie. Aber auch die Predigt war eine Herausforderung: Wie kann man das Alte neu sagen? Wie kann man so über den Glauben sprechen, dass ein moderner Mensch etwas daraus ziehen kann. Sozusagen: Die Bedingung zur Möglichkeit des Glaubens schaffen. Die Aufgabe stellt sich von der Taufe bis zur Beerdigung. Ein anderer Schwerpunkt war sicherlich die Teamarbeit. Da fühle ich mich getragen, wenn man gemeinsam etwas angeht und bespricht. Und auch die Ökumene war wichtig. Gerade nach dem Konzil gab es oft die Überzeugung: Wir brauchen jetzt Einheit. Aber heute denke ich eher, dass man frustriert ist, wenn man nur darauf besteht. Ich glaube eher, wir müssen Einheit dadurch schaffen, dass wir andere anerkennen, dass wir einander respektieren und gemeinsam arbeiten.

C: Was bleibt dir Gutes in Erinnerung? Was ist eher schwierig gewesen?

W: Positiv sind sicher unsere Offenheit und die Atmosphäre. Wir haben ein gutes Team uns sicher auch eine theologische Tiefe. Wir dürfen noch immer in Netzwerken mit vielen Freiwilligen leben: Das sieht man zum Beispiel am Dankabend oder beim Gottesdienst unter den Bäumen. Es tut gut, zu sehen, dass viele sich angesprochen fühlen von den grossen kirchlichen Feiern, die das Leben begleiten.

Eine Herausforderung ist, wie man die Leute „vergemeinschaften" kann. Wie man eine Gemeinschaft schafft, in der sich alle wohlfühlen. Da gibt es auch nicht ein ideales Modell. Man muss immer wieder neue Sachen ausprobieren.

Bei der Hausseelsorge und der Krankenseelsorge hatte ich schon öfter ein schlechtes Gewissen. Ich treffe mich mit vielen Leuten, um Hochzeiten oder Taufen vorzubereiten, und ich sehe viele Menschen in Gremien. Daneben noch immer ganz viele Besuche zu machen, das habe ich leider nicht immer geschafft.

C: Hast du Pläne für den Ruhestand?

W: Ich bin froh, dass ich in Freiburg bleiben darf und bei den Domherren bin. Das gibt mir eine Struktur. Ich habe kein ganz fixes Hobby wie das Schreiben oder Malen. Dann fragt man sich schon: Was passiert jetzt mit mir? Ich werde sicherlich Beziehungen pflegen, aber ich habe keine knallharten Projekte, die ich verfolgen will. Ich lasse es auf mich zukommen. Ausserdem habe ich neun Geschwister. Wenn ich möchte, kann ich sicher einigen von ihnen den Garten machen …

C: Was wünscht du deinen Nachfolgern, dem Team, der Pfarreibevölkerung?

W: „Zäme stah – vorwärts gah" (das Pfarreimotto der Kath. Pfarreiseelsorge Freiburg – Stadt und Umgebung, Anm. C. Mö.), kann ich da nur sagen. Dass sie die guten Dinge behalten: Die Atmosphäre, die Zusammenarbeit, die Offenheit für Entwicklungen. Sicher werden sie noch weiter nach Formen des Glaubenslebens suchen, die ansprechend sind, und eine Kirche erlebbar machen, die liberal und offen ist. Das schreibe ich mir auch etwas zu: Durch diese Art konnte ich sicher dem einen oder anderen helfen, in der Kirche zu bleiben. Wenn man zu fundamentalistisch wird, dann gäbe das vielleicht am Anfang einen Erfolgsschub, aber sicher nicht auf lange Sicht.