Hirtenbrief: Gelebtes Evangelium

Zum zweiten Fastensonntag 2018 hat Bischof Morerod einen Hirtenbrief mit dem Titel "Gelebtes Evangelium" veröffentlicht, der an diesem Wochenende in den Kirchen verlesen wurde.

Wenn wir heute zur Zukunft der Kirche in der Schweiz befragt werden, halten wir uns gerne an Statistiken. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, dass der Heilige Geist nicht irgendwelchen Sinuskurven folgt. Das bedeutet, dass der Heilige Geist uns antreibt und unterstützt und wir dank seiner Hilfe versuchen können, etwas über die Zukunft der Kirche innerhalb unserer Gesellschaft herauszufinden. 

Viele Leute meinen zu wissen, was das Christentum ist und was die Kirche ist. Je nach Generation ändert sich die Wahrnehmung ein wenig. Unter den Älteren findet man einerseits überzeugte Gläubige, aber andererseits auch Menschen, die die Kirche hassen, weil sie die Kirche früher, in ihrer Jugend, als erdrückend wahrgenommen haben; diese beiden Haltungen wurden zum Teil genau so der nächsten Generation weitergegeben. Gleichzeitig begegne ich aber auch Menschen, die den Glauben mit Erstaunen und Bewunderung entdecken und darunter leiden, ausgelacht zu werden, weil sie nicht wie alle anderen denken (der Konformismus hat die Seiten gewechselt…). 

Diese Vorwürfe müssen wir ernst nehmen. Wenn mir Menschen anhand schrecklicher Beispiele erzählen, dass in ihrer Kindheit das ganze Dorf unter der Tyrannei des Pfarrers litt, sind dies tragische Tatsachen. Die Kirche wird manchmal als eine von Moral besessene Instanz wahrgenommen, die anderen aufgezwungen wird, aber von den Vertretern der Kirche selbst nicht gelebt wird. 

Wo also liegt das Problem? Ist unsere Religion schlecht? Ich war betroffen, als eine französische Zeitung auf der Titelseite einen Rosenkranz abbildete mit der Überschrift: «Hilfe, Jesus kommt zurück!»1. Wenn wir über Jesus im Evangelium reden, stossen wir im Allgemeinen auch unter Nicht-Christen auf ein positives Interesse. Wenn aber Jesus abgelehnt wird, liegt es dann an ihm oder an dem Bild, das wir von ihm vermitteln? Im Jahre 1965 sagte das Zweite Vatikanische Konzil: «Deshalb können an dieser Entstehung des Atheismus die Gläubigen einen erheblichen Anteil haben, insofern man sagen muss, dass sie durch Vernachlässigung der Glaubenserziehung, durch missverständliche Darstellung der Lehre oder auch durch die Mängel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllen als offenbaren.»2 Johannes Paul II. hat genau dieses Thema in seinen Vergebungsbitten im Jahre 2000 3 auch wieder aufgenommen. 

Es ist sicher richtig, wenn wir uns sagen, dass wir das Evangelium, das wir predigen, nicht ausreichend leben. Dies ist ja auch der Grund, weshalb wir es predigen: Wir stellen uns neben das Evangelium, weil wir uns der Notwendigkeit bewusst sind, dass wir uns auch selber bekehren und Gott um seine Gnade bitten müssen, damit er uns dabei hilft. Das ist unser Programm: Christus immer ähnlicher zu werden, denn Christ sein heisst «in Christus sein». Dafür müssen wir ihn kennenlernen. Und wir wissen auch, wie wir ihn kennenlernen können. Das ist eine gute Nachricht. 

Die Aussage eines älteren Priesters hat mich einmal sehr berührt: «Ich leide an Schlaflosigkeit. Deswegen kann ich nachts das Evangelium lesen. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen ». Eine Studentin, die das Evangelium durch Freunde entdeckt hatte, erklärte mir ihr Taufbegehren folgendermassen: «Wenn ich das Evangelium lese, sehe ich Jesus, ich liebe ihn, ich möchte bei ihm sein». Ich hoffe sehr, dass jeder Christ und jede Christin eine solche Erfahrung 4 machen darf: Wenn man das Evangelium liest, kann man sich die Gestalt Jesu vorstellen, man wünscht dann, bei ihm zu sein und immer wieder zu ihm zurückzukommen. Auf diese Weise kann man den Wert der verschiedenen Möglichkeiten erkennen, die uns Jesus aufzeigt, um bei ihm zu sein, insbesondere die Sakramente und die christliche Gemeinschaft. 

Die Moral kommt erst später hinzu. Denn wenn wir Jesus lieben, lieben wir auch die Menschen, die er liebt und für die er sein Leben hingegeben hat. Die christliche Moral ist die Konsequenz unserer Beziehung zu Gott, sie steht nicht an erster Stelle. Wenn wir von unserem Glauben sprechen, sollten wir damit beginnen von unserer Beziehung zu Gott zu reden. Denn dies ist das zentrale Thema. Die Moral wird folgen, denn wir werden entdecken, dass es sehr anspruchsvoll ist, Jesus als Vorbild zu haben und sich im Alltag an seinem Leben zu orientieren. Ich erinnere mich daran, was man mir am Tage einer Priesterbeerdigung erzählte: «Wenn man diesen Priester sah, sah man Jesus». So zu leben, dass man in uns Christus erkennen kann, ist unsere Aufgabe. 

Zu Beginn der Fastenzeit wurde uns Asche aufs Haupt gestreut, vielleicht mit folgenden Worten: «Kehrt um und glaubt an das Evangelium!». Die erste Bedingung für die Zukunft unserer Kirche ist also, dass wir sagen können: «Die Kirche ist gelebtes Evangelium» 5. Wir suchen heute nach «Rezepten», nach «Strategien». Die erste Strategie ist es aber, das Evangelium zu leben, mit Christus verbunden zu sein, Ihm nahe zu sein. Wir können unsere «Strategie» auch mit den Worten von Petrus ausdrücken: «Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens» (Johannes 6,68). Diese «Strategie» ist es, die uns der Sohn Gottes durch sein Kommen in unsere Welt gegeben hat. Ihm dürfen wir vertrauen. Selbstverständlich gibt es viel zu organisieren. Doch zuvor wollen wir umkehren und an das Evangelium glauben. Wenn man in uns Christus sieht, ist die Zukunft der Kirche besser gesichert als durch irgendeine Reorganisation. 

Wenn auf die Frage: «Was ist das, die Kirche?», als spontane Antwort geäussert wird: «Die Kirche ist gelebtes Evangelium», dann müssen wir uns um die Zukunft der Kirche keine Sorgen machen. 
 

1      Libération, 24. November 2016. 
2      Vatikan II, pastorale Konstitution Gaudium et Spes  über die Kirche in der Welt von Heute (7.Dezember 1965), § 19. 
4      Z.B. in Lesegruppen zu Hause: Mit de Bübla i d’Stuba
5      Charles Journet, L’Église et la Bible, Éditions Saint-Augustin, Saint-Maurice, 1960, p. 45. Dieser Satz war die Schlussfolgerung meines ersten Hirtenbriefes im Jahre 2012.