10 Jahre Point d'Ancrage: "Wir sind eine grosse Familie"

„Es ist eine Liebesgeschichte im Point d‘Ancrage. Komm mit deiner Geschichte und habe etwas Hoffnung. Setz dich hin und erzähle mir, denn hier findest du Glauben. Wir essen, teilen, lachen und leben zusammen.“ Gefühlvoll singt Proffa, der ursprünglich aus dem Kongo stammt, die Zeilen dieses Liedes, das er zum 10. Jubiläum des Point d’Ancrage geschrieben hat. Am 22. September feierten Freiwillige, Asylbewerber und Sans-Papiers diesen Anlass mit Ateliers im Jardin de Pérolles und einem offiziellen Teil im Saal von Christ-König in Freiburg, der durch Reden, Musik und ein gemeinsames Essen geprägt war.

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Schon beim Betreten des Festsaals rückt die Welt ganz nah zusammen: An verschiedenen Tischen werden Gerichte aus aller Welt ausgebreitet. Menschen aus Afghanistan, Tibet, Eritrea und vielen anderen Ländern haben ihre Spezialitäten für das gemeinsame Essen vorbereitet. Für Unterhaltung sorgen ebenfalls Migranten: ein Tanz aus Tibet, der Gesang eines Kurden, die Musik aus dem Kongo. „Wir sind eine grosse Familie", so betont es Jean-Pierre Barbey, erster Präsident und Mitinitiant des Point d’Ancrage.

Geschichte
Präsent ist bei dem Anlass natürlich die Geschichte des Point d’Ancrage, dessen Wurzeln im Engagement einer Gruppe von Freiwilligen liegen, die 2001 Sans-Papiers unterstützte, die auf dem Schönberg in der Kirche St. Paul auf ihre schwierige Situation aufmerksam machten. „Unter den Freiwilligen waren auch Ordensleute von den Weissen Vätern, den Ingenbohler Schwestern und den Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul. Dabei haben wir realisiert, dass die Kirche im Kanton sich zwar um die Menschen in Spitälern und Gefängnissen kümmert, aber sich nicht für Migranten vor Ort einsetzt", so Sr. Emmanuelle Donzallaz, die schon seit Anfang an im Point d’Ancrage aktiv ist. 
2008 fiel dann der Startschuss für einen regelmässigen Treffpunkt für Asylbewerber und Sans-Papiers bei den Weissen Vätern im „Africanum" in Freiburg. „Wir alle haben das Bedürfnis, einen Ankerpunkt zu finden – sei es physisch in einem neuen Land mit einer neuen Arbeit, sei es emotional durch Freunde oder auch spirituell. Das möchte der Point d’Ancrage sein: Ein Treffpunkt von Menschen unterschiedlicher Kulturen, die ähnliche Freuden und Schwierigkeiten teilen", so wird Anne Lugon-Moulin, die zweite Präsidentin zitiert. Die Strukturen wurden 2011 durch die Gründung eines rechtlich anerkannten Vereins gestärkt, der von der Katholischen Kirche und der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons unterstützt wird.
Ein breites Angebot
Ins Gespräch kommen die Menschen leicht jeden Mittwoch beim gemeinsamen Mittagessen, an dem regelmässig 80 bis 100 Frauen, Männer und Kinder teilnehmen. Möglich wird dies durch Lebensmittelspenden von grossen Supermärkten, die aussortierte Produkte dem Point d’Ancrage zur Verfügung stellen, und durch das Engagement von Freiwilligen, die daraus ein schmackhaftes Essen zubereiten.

Im Laufe der Jahre hat sich das Engagement des Vereins allerdings noch erweitert: So werden Einzelberatungen und Hausbesuche angeboten, bei denen auf die individuelle Situation der Asylsuchenden eingegangen werden kann. Zusätzlich werden Kinderbetreuungen offeriert, damit die Eltern einfach einmal Einkäufe in Ruhe erledigen können und die Kinder eine freundliche, angstfreie Atmosphäre erleben dürfen. Gesundheitsberatungen unterstützen gerade schwangere Frauen. Ein wichtiger Eckpfeiler für die Integration sind die Französischkurse, die mit dem Engagement von Brigitte van Straten im Africanum Einzug gehalten haben. Und natürlich ist das Jahr geprägt von gemeinsamen Festen wie dem jährlichen Tag der offenen Tür, dem gemeinsamen Weihnachtsfest oder Familienausflügen. Mit der neuen Direktorin Mirelle Burgos ist das Angebot sogar noch gewachsen, z.B. um einen Nähkurs und weitere Sprachkurse.

Begegnungen auf Augenhöhe

Im Point d’Ancrage geht es vor allem um eine Begegnung auf Augenhöhe. Gérald Lugrin, Präsident des begleitenden Komitees, betont in seinem Vortrag, dass viele Faktoren im Leben von Asylsuchenden ungewiss sind. „Der Point d’Ancrage möchte ein Ort sein, an dem die Leute menschliche Wärme wiederfinden, an dem man seine Geschichte erzählen kann ohne den Druck einer Befragung, ohne dass man beurteilt wird." Er ist sich sicher, dass sich dafür immer wieder Menschen vor Ort einsetzen werden.

Rund 50 Frauen und Männer mit vielfältigem Hintergrund engagieren sich regelmässig im Point d’Ancrage. „An der Wurzel dieses Engagements liegt das Herz", so P. Jean-Pierre Barbey. „Wir lernen keine ,Asylsuchenden‘ kennen, sondern wir begegnen einzelnen Menschen mit ihrer individuellen Geschichte. Wir teilen ihre oft schwierige Situation und nehmen Anteil an ihrem Alltag", erklärt Barbey und bittet zum Abschluss um einen stillen Moment in Gedenken an diejenigen, die auf der Flucht ihr Leben verloren haben.

Text und Bilder: C. Mönkehues-Lau

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