Erkennen, was stimmig ist: Berufungen wahrnehmen und fördern

„Ich bin berufen, etwas zu tun oder zu sein, wofür kein anderer berufen ist. Ich habe einen Platz in Gottes Plan, den kein anderer einnehmen kann.“ Mit diesen Zeilen von John Henry Newman begann die jährliche Weiterbildung der SeelsorgerInnen Deutschfreiburgs in Visp (20. bis 23. Februar), bei der das Thema Berufung im Zentrum stand.

/simplegalerie/Visp2017

Eine Werbung aus Deutschland: Eine Frau springt in einen See und rettet einem Mann das Leben – der Slogan der Deutschen Lebensrettung lautet dazu: „Kein Beruf, sondern eine Berufung". Schon lange hat die Kirche kein Monopol mehr auf den Beriff Berufung. So stand schon ganz am Anfang der Weiterbildung die Erkenntnis, dass man nicht nur zum kirchlichen Dienst berufen sei, sondern zum Mensch-Sein und auch zum Christ-Sein in der Welt. In einem ersten Impuls betonte Prof. em. Stephan Leimgruber die Prozesshaftigkeit, mit der der Mensch seinen Ruf wahrnehme und mit der dieser auch durch äussere Faktoren verstärkt oder eben auch verhindert werde. „Die Berufung fällt nicht vom Himmel. Oft ruft uns Gott durch die Menschen in unserem Umfeld, die etwas in uns wahrnehmen und ehrlich rückmelden."

Die Frage nach der eigenen Berufung

Diese Erkenntnis spiegelte sich auch in den Erfahrungen, die die SeelsorgerInnen im Austausch über ihre eigene Berufungsbiographie herausarbeiteten. Ebenso hing die Entscheidung, die Berufung im kirchlichen Dienst zu verwirklichen, oft von Persönlichkeiten ab, die an kritischen Punkten im Leben Einfluss hatten. Daneben waren bei vielen SeelsorgerInnen positive Erfahrungen in der Kirche entscheidend wie das Gruppengefühl, die ehrlichen Gespräche, in den auch Zweifel und Fragen einen Ort hatten, der gemeinsame Einsatz für Gerechtigkeit, aber auch die Erfahrung von Räumen, die offen waren für eine Sehnsucht nach Transzendenz – sei es durch Wort, Kunst oder Musik.

Auf die innere Stimme hören

Wie kommt man aber der eigenen Berufung auf die Spur? In welchem Beruf oder mit welchem Lebenskonzept kann ich zu der werden, die in mir angelegt ist? Diese Fragen stellten sich auch Elsbeth Caspar, als sie noch als Mentorin für Theologiestudierende in Freiburg tätig war und erkannte: Nicht jeder oder jede passt mit seinen/ihren Fähigkeiten in einen Kirchenberuf. Berufung führt also nicht immer zu einem Beruf in der Kirche. Auf der Basis eines Aristoteles-Zitats und einer Erweiterung durch das Berufungscoaching nach Alexander Kaiser definierte sie daher: „Dort, wo sich deine Träume, deine Sehnsüchte, das was du in dir spürst, deine Talente und Fähigkeiten mit den Bedürfnissen der Welt kreuzen, da liegt deine Berufung".

Elsbeth Caspar, die inzwischen als Berufungscoach tätig ist, zeigte den SeelsorgerInnen drei Schritte auf, in welchen sich eine solche Beratung vollzieht, die der eigenen Berufung auf die Spur geht. Zunächst müsse man lernen, der eigenen Stimme zu trauen und die eigenen Bedürfnisse auszuloten. Dabei gehe es darum, die Momente herauszuarbeiten, die als stimmig und sinnvoll im Leben erfahren wurden. In einem zweiten Schritt würden die eigenen Stärken/Begabungen herausgearbeitet und dann schliesslich in einem dritten Schritt eine konkrete Vision für ein Betätigungsfeld entwickelt. „Ein solches Berufungscoaching ist eine Unterstützung für den Lebenvollzug. Es weckt Verantwortung für das Leben und die Rolle in der Gesellschaft und ist auch eine spirituelle Begleitung, da man nach dem Sinn des Leben und den eigenen Zielen fragt", so Caspar. Ausprobieren konnten die SeelsorgerInnen dann eine Methode aus dem ersten Schritt, indem sie durch den Entwurf von Kinoplakaten zu Lebensentwürfen den eigenen stimmigen Lebensmomenten auf die Spur kamen (Methode „Hintergrundbilder" nach Bernd Schmid).

Konsequenzen für die Arbeit in den Pfarreien allgemein …

Aufgrund dieser Erfahrung und der Arbeit an biblischen Berufungsgeschichten zogen die SeelsorgerInnen auch Konsequenzen für die eigene Arbeit in den Pfarreien. Im Umgang mit Freiwilligen und Engagierten müsse man hellhörig und aufmerksam sein für die Charismen der Menschen. Es gelte, eine Kultur der Achtsamkeit aufzubauen. Wer die Menschen mit ihren Charismen und Talenten ernst nehme, schaue zunächst auf die Person, statt nur „Löcher stopfen" zu wollen, d. h. die Aufgaben eines ausscheidenden Freiwilligen an die nächste Person weiterzugeben. Als gutes Beispiel wurde die Charismenliste in der Adresskartei einer Pfarrei erwähnt, in die regelmässig wahrgenommene Berufungen eingetragen werden. Daneben seien auch der Zuspruch und die Bestätigung wichtig, das „Yes, you can", und die wertschätzende Haltung gegenüber engagierten Pfarreimitgliedern.

… und für die Begleitung von Menschen zu einem Dienst in der Kirche

Gerade für die Begegnung mit Gott und die Frage nach Realisation einer Berufung in einem Kirchenberuf müsse man positive Räume schaffen. Rita Pürro Spengler von der Fachstelle Erwachsenenbildung Deutschfreiburg, die mit jungen SeelsorgerInnen die Weiterbildung vorbereitet hatte, betonte: „In meiner Jugend waren es Orte wie der regionale Jugendgottesdienst in Tafers oder die Osternachtsfeiern der Juseso, die mich von der Spiritualität und dem Gemeinschaftserlebnis her ansprachen und faszinierten und nebst prägenden Persönlichkeiten sicher wesentlicher Bestandteil für meinen späteren Wunsch waren, Theologie zu studieren. Heute braucht es auch diese Orte, diese Erfahrungsräume, welche der Sehnsucht nach dem ,Mehr‘, nach dem Transzendenten, Raum geben. Auch wenn die Gesellschaft sich sehr geändert hat, wir heute viel schneller und zumindest digital ,vernetzter‘ unterwegs sind, braucht es gerade diese Unterbrechungen, die Pausen, den Platz für die Fragen nach dem Sinn und Ansprechpersonen, die Zeit und das nötige Gespür haben, sich auf dieses Fragen einzulassen  - sowohl bei Jugendlichen, wie bei Erwachsenen."

Daneben ist die Profilschärfung für Seelsorgeberufe zentral, denn meist ist die Fülle der Berufsprofile nicht bekannt. Um dem Abhilfe zu schaffen, ist nicht nur die Regionale Fachstelle für Jugendseelsorge an der Berufsmesse „Start!" präsent, sondern es gibt auch die Fachstelle Information kirchliche Berufe" (IKB) in Luzern. Mit Aktionen im öffentlichen Raum wendet sich Thomas Leist, Leiter der IKB, an die Bevölkerung – sei es durch Plakate mit Bildern und Zitaten von Seelsorgenden im Bus und in der Bahn, niederschwellige Postkartenaktionen, die auf mögliche Perspektiven in der Kirche hinweisen, oder Jugendaktionen, die deren Vision von der Zukunft der Kirche thematisieren. Dass die Aktionen Resultate hervorrufen, zeigt sich darin, dass sich regelmässig Interessierte bei ihm melden und sich beraten lassen. „Viele Quereinsteiger, Wiedereinsteiger oder Berufswechsler kommen zu uns; viele auch mit einer inneren Sehnsucht." Was ihn manchmal schmerze sei, dass die Kirche einige Lebensweisen von Menschen ausschliesse und dass für viele Berufe in der Kirche die benötigte Qualifikation recht hoch sei. Gleichzeitig gebe es kaum so viel Jobzufriedenzeit wie in kirchlichen Berufen, stellte er mit dem Hinweis auf eine aktuelle Studie unter Seelsorgenden in Deutschland fest und lud die Anwesenden ein: „Die Begeisterung darf man uns ruhig anmerken!"

So hatte es auch schon Prof. em. Stephan Leimgruber mit 40 Jahren Erfahrung als Priester formuliert: „Wir haben ein tolles Produkt, eine überzeugende Botschaft! Wir haben einen guten Papst, der uns täglich überrascht. Natürlich gibt es auch Probleme in der Kirche, an denen wir arbeiten müssen, aber man darf sich von ihnen auch nicht erdrücken lassen. Man darf Freude am Beruf haben."

Christina Mönkehues, Informationsstelle des Bischofsvikariats Deutschfreiburg