Menschen im Namen Jesu begleiten

Bischofsvikar Alain de Raemy wohnt Tür an Tür mit Bischof Charles - und sieht darin nur Vorteile. Denn miteinander im Alltag auf dem Weg zu sein bedeutet ihm sehr viel. Für seinen Nachfolger im Amt des Bischofsvikars möchte er gute Voraussetzungen schaffen: mit der Reorganisation soll Deutschfreiburg seinen Stellenwert im Bistum stärken. Im Interview stellt sich Alain de Raemy, Bischofsvikar für Deutschfreiburg, den Fragen zum Jahreswechsel.

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Nebst Ihrem Amt als Weihbischof mit zahlreichen Aufgaben sind Sie auch Bischofsvikar Deutschfreiburgs. Wie gehen Sie mit Ihren verschiedenen Hüten um?

Ich sage nur eins. Danke Marianne! Sie ist meine Adjunktin im Bischofsvikariat. Sie arbeitet ohne Rücksicht auf ihren Prozentsatz. Sie zählt ihre Stunden nicht. Sie glaubt einfach an ihre Berufung und erlebt ihre Arbeit als Dienst an den einzigen Herrn der Kirche. Ohne sie, ohne ihre Grundsatzhaltung ganz im Sinne von Papst Franziskus, der eine Arbeitnehmer-/Arbeit­geber-Gesinnung in der Kirche als schwere Krankheit bezeichnet, könnte ich mein Amt nicht ausführen. Dabei vergesse ich alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht!

 

Sie sind wahrscheinlich der erste Bischofsvikar, der am Bischofssitz wohnt, Tür an Tür mit Bischof Charles. Welche Vor- und Nachteile hat das?

Nur Vorteile! Als ich zum Weihbischof ernannt wurde, hatte man für mich eine Wohnung im Domherrenhaus bei der Kathedrale vorgesehen. Zum Glück war diese nicht sofort beziehbar. So habe ich die ersten Wochen am Bischofssitz verbracht. Und somit auch feststellen können, dass ich lieber ohne eigene Wohnung, dafür aber in Gemeinschaft, unter einem Dach, mit Bischof Charles leben wollte. Was auch seinem Wunsch entsprach, wie sich schnell herausstellte. Wissen Sie, es ist recht und gut, sich regelmässig zu treffen, und telefonisch oder per Mail den Kontakt weiter zu pflegen, nichts aber bringt menschlich so viel Nähe und Austausch als den Wohnort und somit den Alltag zu teilen. Vor der Nachtruhe, zum Beispiel, noch schnell hinschauen, wie es der andere mit sich und seinem Auftrag hat.

 

Deutschfreiburg ist im Bistum eine Minderheit. Wie erleben Sie diese Situation als Bischofsvikar? Welche speziellen Eigenheiten nehmen Sie wahr?

Als Schweizer haben wir eigentlich den Sinn für Minderheiten und erleben dank unserer staatlichen Gesetzgebung eine selbstverständliche solidarische Rücksicht auf diese. Das entspricht dem Christ-Sein voll und ganz. Es fängt mit der Wertschätzung der Sprache der anderen an. Bei uns ist aber noch viel Verbesserungspotential. Wir haben es zum Beispiel vor einigen Wochen noch „geschafft", die gesamt diözesane Weiterbildungstagung in Genf, zwar mit Simultanübersetzung, aber ohne einen einzigen auf Deutsch gesprochenen Willkommengruss! Schön ist aber festzustellen, wie wenig dieses oder ähnliches als unüberwindbares Hindernis empfunden wird, wenn der eine Glaube stimmt, wenn dieser gemeinsame katholische Glaube, egal in welcher Kultur, alles prägt und trägt … Jene, die die Wallfahrt nach Rom zum Heiligen Jahr erlebt haben, wissen wovon ich spreche. Diese wunderbare, ja erstaunliche Einheit, die im Amt des Papstes und des Bischofs ganz besonders als wundervolle Stütze zum Ausdruck kommt.

 

Welche Highlights durften Sie als Bischofsvikar bisher erleben?

So viele! Wissen Sie warum? Ganz einfach weil ich die Highlights meines Nächsten teilen darf: in Pfarreien, Gemeinschaften, Familien, Gruppierungen … Denken Sie nur an die Kontakte zur Bevölkerung, zum Beispiel bei Firmungen, Ministrantentreffen, Festtagen, Jugendanlässen und auch Trauergottesdiensten … Ja, es sind so viele und vielfältige Gelegenheiten, Menschen zu treffen; Menschen, die so gerne auf dem Weg sind, wenn man sie ganz einfach im Namen Jesu aus Liebe begleitet und sich von ihnen auch begleiten und erbauen lässt. Hier sei allen Seelsorgern ein grosses „Vergelt’s Gott" von ganzem Herzen ausgesprochen.

 

In Amoris Laetitia schreibt Papst Franziskus in der Einleitung, dass nicht jede moralische oder pastorale Frage in Rom entschieden werden müsse, denn vor Ort können Lösungen anders aussehen als im Nachbarland oder in einem anderen Kulturkreis. Was heisst das für Sie für unser Bistum und speziell für Deutschfreiburg?

Der Papst meint natürlich nicht, dass das Ehesakrament oder die Familie als Gemeinschaft von Mann und Frau mit dem Ziel Kinder das Leben zu schenken, je nach Kultur mehr oder weniger Sinn hätte. Er meint vielmehr, dass zum Beispiel in Afrika die Einmischung der Onkel und Tanten und der ganzen Sippe in der Erziehung der Kinder, oder die Polygamie, das christliche Selbstverständnis der Eltern prägen und manchmal auch erschweren, während in Europa, das Sich selbst überlassen Sein, die Scheidungsquote und der kulturelle Individualismus ganz andere Probleme stellen. Die Vorbereitung auf christliche Ehe und Familie oder die Einflussnahme in Gesellschaft und Politik muss also je nachdem ganz anders geführt werden! Bei uns sind also die Unterschiede zwischen Welsch und Deutsch verhältnismässig nicht so gross … Gewisse pastorale Gewohnheiten haben sich manchmal in einem Sprachraum verbreitet, ohne dass diese unbedingt mit der Kultur zu tun hätten. Denn selbst Kulturgenossen sind sich über ihren Wert nicht immer einig.

 

Welche Baustellen in der Kirche Deutschfreiburgs und im Bistum sehen Sie?

Die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation! Da hilft nur eine sehr konsequente Lebensführung. Man sollte den Christen und die Christin an ihrer demütigen bedingungslosen Liebe zum Mitmenschen wegen ihrer grenzenlosen Begeisterung für Jesus erkennen. Wir haben Kirchgebäude in tadellosem Zustand und zahlen relativ viele Mitarbeiter. Gibt es aber überall eine spürbare Sorge um jeden leidenden Menschen und eine ansteckende Freude, am Sonntag zusammenzukommen, um uns einander im Glauben zu unterstützen? Unser Sinn für Zugehörigkeit ist viel zu (zum Teil auch geographisch) begrenzt …

 

Zur Reorganisation: Deutschfreiburg soll eine Bistumsregion werden. Was heisst das genau? Wie begründen Sie diese Änderung? Welche Vorteile ergeben sich daraus?

Es ist eigentlich keine Änderung. Einen Bischofsvikar, welcher Deutschfreiburg im Bischofsrat vertritt, gibt es seit den 60er Jahren, seit dem zweiten vatikanischen Konzil. Deutschfreiburg war aber lange in Dekanate unterteilt. Jetzt ist das ganze Gebiet ein einziges Dekanat geworden. Als Unterteilung hat es also keinen Sinn mehr. Sonst könnte man meinen, Deutschfreiburg sei eben nur ein Teil des Kantons, und habe also keinen eigenen Stellenwert. Aber Deutschfreiburg hat ein Bischofsvikariat, genau gleich und nicht mehr oder weniger als Waadt, Genf, Neuenburg und der französischsprechende Teil des Kantons Freiburg. Ob das jetzt überall „Region" heissen soll, sei noch dahingestellt. Logisch wäre es.

 

Welche Projekte werden Sie in den nächsten Monaten prioritär anpacken?

Meinem jungen und dynamischen Nachfolger, dem Franziskaner Pater Pascal Marquard, die bestmöglichen Voraussetzungen für sein Amt, das am 1. September 2017 anfängt, zu schenken. Das wollen wir mit der Reorganisation, die jetzt im Gange ist, unter anderem erreichen.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche allen Mitmenschen und allen Mitchristen in Deutschfreiburg viel Glaube, viel Liebe und somit auch immerwährende Hoffnung! Und ich wünsche mir … viel Geduld mit mir selber!

 

Lieblings- ...

Farbe: blau

Getränk: Wein, aber fein, und Milch, aber frisch

Essen: Meeresfrüchte, dafür ist Deutschfreiburg nicht ideal gelegen …

Ort: dort wo ich lebe, egal wo

Autor: der Genfer Kardinal Charles Journet und der Franzose Georges Bernanos

Musik: Mozart, aber auch, unter vielen anderen meiner Generation, Simon and Garfunkel

Heiliger: Pier Giorgio Frassati (ein sportlicher Ingenieur-Student der im Alter von 24 Jahren 1925 in Turin an schlagartige Poliomyelitis gestorben und um dessen Sarg die Ärmsten der Stadt sich versammelten unter dem Staunen der vornehmen Familie und Angehörigen) und die unglaublich starke spanische Frau Teresa de Jesús von Avila (1515-1582), Zeitgenossin der Reformation in Deutschland. Sie hat es aber geschafft, echte Reform ohne Bruch zu fördern.

 

Interview: Melchior Etlin, Foto zVg