"Wir sind als Zivilgesellschaft gefordert"

Anfang Februar 2016 trafen sich die Seelsorgerinnen und Seelsorger des Dekanats Deutschfreiburg in Visp zur Weiterbildung, die dem Thema Migration gewidmet war.

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„Migration" – kaum ein anderes Wort ist derzeit so medial präsent, kaum ein Gegenstand so breit diskutiert wie dieser. So war schon im Laufe des letzten Jahres die Idee gereift, die jährliche Weiterbildung der Seelsorgerinnen und Seelsorger in Visp diesem Thema zu widmen. Schlagzeilen in Medien, aber auch Asylzentren vor Ort und der Kontakt mit Asylsuchenden fordern auch kirchliche Mitarbeitende zur Reaktion heraus. „Doch was ist eine authentisch christliche Haltung zum Thema Migration?", fragte am Anfang der Weiterbildung Rita Pürro Spengler von der Fachstelle Erwachsenenbildung QuerWeltEin, die die Tagung zusammen mit einer Gruppe von Seelsorgern vorbereitet hatte. Die persönliche Antwort auf diese Frage wurde zur Aufgabe für jeden Teilnehmenden.

Auf einem Stationenweg reflektierten die Seelsorgenden zu Beginn daher zunächst ihre eigenen Zugänge zum Thema Migration. Wie bin ich biografisch mit dem Thema konfrontiert? Was lösen bei mir die Schlagzeilen in den Zeitungen zu Flüchtlingen und Asylsuchenden aus? Wie ist die Situation derzeit im Kanton Freiburg? Mit Ausschnitten aus dem Dokumentarfilm „Neuland", der junge Ausländer begleitet, die in der Schweiz eine Integrationsschule besuchen, begannen schon erste Diskussionen zur eigenen Haltung gegenüber Asylsuchenden und Flüchtlingen. Und die praktischen Taten, die dieser Haltung erwachsen, liessen sich erkennen, als die SeelsorgerInnen sich darüber austauschten, was in den Seelsorgeeinheiten Deutschfreiburgs für und mit Flüchtlingen geschieht: Begleitgruppen für Asylzentren in Bösingen und Düdingen sowie das „Netzwerk Flüchtlinge" in Murten und eine Projektgruppe in Kerzers; ein Haus der Pfarrei in Ueberstorf und eine Wohnung der Pfarrei in Plaffeien, die für Asylsuchende zur Verfügung gestellt werden sollen; eine Angelforce-Aktion der Seelsorgeeinheit Untere Sense, bei der Kleidung für ein Bundeszentrum gesammelt wurde; Firmateliers, Adventsaktionen und Pfarreifeste mit Flüchtlingen in Freiburg – die Plakate füllten sich schnell mit wichtigen und guten Signalen.

Hintergrundwissen erarbeiten

Damit sich die Seelsorgenden auch auf rechtlicher Seite einen breiten Überblick über das Asylwesen erarbeiten konnten, informierte sie Gabriella Tau von der Rechtsberatungsstelle der Caritas Schweiz über Grundzüge des Verfahrens. Sie klärte wichtige Begriffe, informierte darüber, wie und in welchem Fall ein Asylgesuch eingereicht werden kann, und vermittelte die Stationen, die Asylsuchende in der Schweiz durchlaufen. Auch die Kriterien, auf die ein Fall von den Behörden geprüft wird (Glaubwürdigkeit, Flüchtlingseigenschaft und Wegweisungshindernisse) diskutierte sie, aber betonte auch, wie schwierig diese Prüfung sich manchmal gestalten kann, und zeigte an Beispielen Probleme im System auf, die z. B. gerade das Dublin-Verfahren immer wieder hervorruft. Mit gestärktem fachlichen Hintergrund stand am nächsten Tag eine theologische Vertiefung des Themas auf dem Plan. „Es gibt kaum Menschen, die keinen Anknüpfungspunkt zum Thema Migration haben", stellte die Theologin und Leiterin der Feministischen Fachstelle der FrauenKirche Zentralschweiz Regula Grünenfelder eingangs fest, die als Referentin den Tag gestaltete. Ausgehend von der Botschaft des Papstes zum Welttag der MigrantInnen am 1.10.2015 bearbeiteten die SeelsorgerInnen in Kleingruppen Impulsfragen: Wie stellen wir uns zum Recht auf Migration? Wie lassen auch wir uns als Gesellschaft von Migration verändern und wie verändern sich diejenigen, die zu uns kommen? Welche biblischen Impulse geben uns Antworten? Was brauchen unsere Seelsorgeeinheiten und Pfarreien um „in diesem Augenblick zum wirkungsvollen Zeichen" zu werden?

Zivilgesellschaft ist gefordert

Nicht nur theologische Impulse, sondern auch praktische Hinweise und eine aufmerksame Haltung konnte Regula Grünenfelder vermitteln, die sich selbst als Freiwillige schon lange im Asylbereich engagiert. Gerade angesichts der Nachricht, dass in Giffers 2017 ein Ausreisezentrum entsteht, waren die Seelsorgenden sehr dankbar für weitere Informationen. „Die Asylzentren des Bundes sind in aller Regel geschlossene Zentren; der Kontakt mit der Bevölkerung vor Ort ist eher spärlich", so Grünenfelder. Persönlich bewegt war sie von der problematischen Situation von Asylsuchenden im Bundeszentrum Eigenthal, wo z. B. keine Säuglingsnahrung zur Verfügung gestellt wurde und einem Kind der Arztbesuch verwehrt wurde. Eine Zivilgesellschaft, die vor Ort ist und nachfragt, sei extrem wichtig, so Grünenfelder, damit die Einhaltung von internationalen Konventionen, Menschenrechten und Menschenwürde garantiert werden könne. 

Auch Einrichtungen wie die Schweizerische Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht, die überprüft, wie sich das Asyl- und das Ausländergesetz auf die Situation der betroffenen Menschen auswirkt, kann hier ein kompetenter Gesprächspartner sein. Zudem brauche es spürbare Zuwendung und Mitmenschlichkeit: „Wenn Tausende die Schweiz nur als Gefängnis erleben, welche Folgen hat es dann für das Bild der Schweiz?", fragte sie kritisch an.

Basis für erlebbare Mitmenschlichkeit ist natürlich die Begegnung. Doch wie kann diese geschehen, wenn die Bevölkerung keinen Zugang zu Bundeszentren erhält? Regula Grünenfelder berichtete von der IG „Gubel Mänzige", die sich genau diese Frage stellte angesichts eines Bundeszentrums, das im Mai 2015 in der Nähe von Menzingen eröffnet wurde. Die Antwort waren zwei Baucontainer, die vor dem Zentrum abgestellt wurden, und in denen den Menschen aus dem Bundeszentrum drei Computer, Zeichentherapien, Spiele uvm. zur Verfügung stehen. Über 70 Freiwillige engagieren sich in der IG „Gubel Mänzige", organisieren Stadtführungen, Sportprogramme und Wanderungen mit den Asylsuchenden. Die Bevölkerung und die Menschen im Zentrum sind aneinander gewachsen.

Ermutigende Erlebnisse

Ähnliche Erfahrungen durfte auch der reformierte Pfarrer Daniel Winkler, Referent des dritten Tages, machen, als in Riggisberg ein Durchgangszentrum eröffnet wurde. Der Gemeinderat hatte die Unterkunft dem Staat zur Verfügung gestellt. Die anfängliche Skepsis gegenüber den Fremden sei durch Begegnungen mit ihnen verflogen. Eine Keimzelle für diese Kontakte war das Café Regenbogen, das im Kirchgemeindehaus in Riggisberg schnell zur Institution wurde und von den ausländischen Gästen liebevoll in „Mama Africa" umgetauft wurde. Zwischen Spielen, Sprachübungen und Kaffee haben die rund 50 Freiwilligen und die 150 Asylsuchenden zueinander gefunden. Die Freundschaften wuchsen so gut wie das Gemüse im eigenen Garten, der den Asylsuchenden zur Verfügung gestellt wurde und dank welchem sie ihren Speiseplan aufbessern konnten. „Mit den Fremden ist auch Christus in unser Dorf gekommen", stellte Daniel Winkler stolz fest.

Inspiriert durch diese Berichte, aber auch mit dem Wissen um die Bedeutung von zivilgesellschaftlichem Engagement, entschlossen sich die Seelsorgerinnen und Seelsorger am Ende der Tagung zu einem „prophetischen Wort", zu einer Stellungnahme, in der sie ihre Bereitschaft signalisieren wollten, im Ausreisezentrum Guglera in Giffers aktiv zu werden und den Kontakt zu den 250 Menschen, die dort kurzzeitig unterkommen, zu pflegen (die Stellungnahme finden Sie hier; auch kath.ch berichtete). Zudem erhoffen sie sich einen Einsitz in der Begleitgruppe des Ausreisezentrums (zusammen mit Vertretern von Gemeinde, Bund, Betreuungsmitarbeitenden und weiteren Personen). Ausserdem nahmen die einzelnen SeelsorgerInnen nach der Weiterbildung via Mail Kontakt mit dem Staatssekretariat für Migration auf, um ihre Fragen zum Zentrum zu platzieren.

Die Arbeit in den Pfarreien und Seelsorgeeinheiten zum Thema Migration geht weiter. Viele neue Ideen sind entstanden, die es umzusetzen gilt. Gleichzeitig sind die SeelsorgerInnen auch interessiert, was sich im Austausch mit der Pfarreibevölkerung und anderen Institutionen ergibt.

Christina Mönkehues, veröffentlicht im Mitteilungsblatt im März 2016


Rund 75 Personen aus dem Sensebezirk haben sich zur Gruppe „Flüchtlinge willkommen im Sensebezirk" zusammengeschlossen. Das nächste Treffen findet am Do., 17. März, 20.00 bis 22.00 Uhr im Vereinshaus Tafers statt. Referentin ist Frau Denise Graf, Asyl-Expertin bei der Schweizer Sektion von Anmesty International. Wer sich in der Gruppe engagieren möchte, ist herzlich willkommen.

Das Rote Kreuz sucht für Düdingen und Bösingen nach Freiwilligen, die im Schuljahr 2016/17 Deutschkurse anbieten können. Kontakt und Information: Sonja Jungo, sonia.jungo@croix-rouge-fr.ch, 026 347 39 70