ethikCafé online

FREIHEIT IN DER KRISE - Liberté en crise Wie beeinflussen die durch Covid-19 verursachten Einschränkungen unseren Alltag, aber auch unser Verständnis von Freiheit und gutem Leben? Spannende Gäste unterstützten uns in der Diskussion rund um die aktuellen Herausforderungen. Am Mittwoch, 20.5. fand von 20:00-21:30 Uhr das ethikCafé mittels Videokonferenz auf ZOOM statt.

ethikCafé

Freiheit in der Krise?

Am 20. Mai führten die Fachstellen Jugendseelsorge Juseso Deutschfreiburg und formule jeune sowie die Mittelschulseelsorge fri-soul.ch mit Unterstützung von «ethik22» zum zweiten Mal ein ethikCafé durch – wegen der Corona-Pandemie dieses Mal nicht im Café Belvedere in Fribourg sondern online. Jonas Sagelsdorff von «ethik22» führte durch die Veranstaltung. Als Inputgeber waren die Psychologiestudentin Selima, der IT-Spezialist Lukas und der Lehrer Yannik eingeladen. Insgesamt haben knapp 20 Personen teilgenommen – die jüngsten davon waren im Oberstufenalter, die ältesten über 50.

Die ausserordentliche Lage gab dann auch schon das Thema vor «COVID-19 – Freiheit in der Krise – Liberté en crise». Nach der Begrüssung durch Reto Dörig von der Mittelschulseelsorge und Monika Dillier von der Fachstelle Jugendseelsorge zeigte Jonas Sagelsdorff zum Input zwei Videos die er für die Veranstaltung erstellt hatte. Das erste zeigt die jüngere Geschichte des Notrechts  und gab so einen Kontext zu den aktuellen Massnahmen und den Kompetenzen des Bundesrates. Das zweite Video ordnete Seuchenbekämpfung in eine Philosophie der Macht (nach Michel Foucault) ein und half so, die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie einzuordnen.
Danach gab es einen Wechsel von dieser abstrakten Ebene zum ganz persönlichen Erleben der Teilnehmer. Die Psychologiestudentin Selima berichtete von der Verunsicherung, die dadurch ausgelöst wird, dass man keine Ahnung hat, wie sich die Situation weiterentwickeln wird. Der Lehrer Yannick erzählte, dass die Schüler aus ärmeren Haushalten in der Zeit des Homeschoolings stärker abgehängt wurden und sich die Schere zwischen den Schülern weiter aufgetan hat. Auch die Lebenssituation der Flüchtlinge macht ihm Sorgen, denn diese haben häufig keinen Zugang zu sanitären Anlagen zur Umsetzung von Hygienemassnahmen und ihre Unterkünfte sind zu beengt, um Abstand halten zu können. Doch die Situation bringt nicht nur Negatives mit sich. So erzählt der IT-Spezialist Lukas er habe die freie Zeit während des Lockdowns genutzt, um zuhause einen Gemüsegarten anzulegen. 
Auch seitens des Plenums war Verunsicherung zu vernehmen. Ein Jugendlicher berichtete, dass er während der Zeit des Homeschoolings nie recht wusste, ob er jetzt lieber für die Schule arbeiten soll oder doch lieber seiner Mutter beim Haushalt helfen. Eine Maturandin war enttäuscht, dass die Maturaprüfungen abgesagt worden waren. Schliesslich hatte sie viel gelernt und hätte dies auch gerne gezeigt. Eine gestandene Frau erzählte, dass sie immer von Social Media ferngeblieben war und nun in der Zeit des Lockdowns doch noch damit begonnen und es in kürzester Zeit gelernt hatte.
Nach dem Austausch der persönlichen Erfahrungen sollten sich die Teilnehmer in verschiedene Kleingruppen einteilen, was nach einigen technischen Schwierigkeiten und Improvisationen schliesslich gelang. Die Kleingruppen zum Thema «Krise als Chance – neue Freiheiten» berichtete, dass die Zeit des Lockdowns auch Entspannung und Flexibilität brachte. Die ständige Verfügbarkeit von Konsummöglichkeiten haben den Teilnehmern erstaunlich wenig gefehlt und sie waren sich einig, dass die Einschränkungen gut einzuhalten waren, schliesslich wusste man auch, was Sinn und Zweck der Massnahmen war. Die Gruppe zum Thema «Randgruppen – der Lockdown als existentielles Problem» diskutierte wie sich der Lockdown auf Menschen am Rande der Gesellschaft auswirkt, zum Beispiel Obdachlose, die gar kein Zuhause haben oder armen Familien, die von den Einkommenseinbussen schwer getroffen waren. Die meisten Teilnehmer gehörten zum Teil der Bevölkerung, der über mehr Ressourcen verfügt und doch haben auch diese gespürt, dass sich die Schere zu jenen, die weniger haben, weiter aufgetan hat. Sie kamen auch noch einmal auf die Situation von schwächeren Schülern und Flüchtlingen zu sprechen. 
Zum Schluss erklärte der IT-Spezialist Lukas den Teilnehmer noch wie die Tracing App funktioniert, die momentan von der ETH Lausanne und der ETH-Zürich entwickelt wird. Ein Teilnehmer machte sich Sorgen, dass die App zur Überwachung missbraucht werden könnte. Lukas konnte diese Sorgen glätten. Die App sammelt keinerlei Daten über die Nutzer. Es werden lediglich nichtssagende Codes zwischen den Geräten ausgetauscht, damit man wissen kann, wer mehr als 15 Minuten in der Nähe voneinander war. Diese Daten bleiben auf dem Gerät und werden nur auf einen Server geladen, wenn man sich mit Corona infiziert. Wenn ich eine Meldung erhalte, dass ich mich in der Nähe einer infizierten Person aufgehalten hatte, wird ausser mir niemand benachrichtigt. Es liegt in meiner eigenen Verantwortung zu reagieren und niemand kann mich zu etwas zwingen.
Nach dem Ende der Veranstaltung blieben viele Teilnehmer noch eine Zeit online, um die Diskussion weiter zu führen. Trotz einiger technischer Schwierigkeiten war es eine gelungene Veranstaltung und alle, auch die Veranstalter selber, blieben in diesen verunsichernden Zeiten mit etwas mehr Orientierung zurück. Die Massnahmen des Bundes waren durchaus einschränkend und haben vor allem jene stark getroffen, die es bereits vor der Krise schon schwer hatten. Für die meisten von uns waren sie trotz der Verunsicherung aber gut umsetzbar und haben sogar gewisse Qualitäten mit sich gebracht. In Zukunft ist es wichtig, dass wir Sorge tragen, die Schere wieder zu schliessen, die sich während der Krise aufgetan hat.

 

Datum: Mittwoch, 20. Mai 2020
Uhrzeit: 20:00-21:30
Wie:
Videokonferenz auf ZOOM (www.zoom.com)
Anmeldung: bei reto.dorig@cath-fr.ch

Weitere Infos: www.fri-soul.ch