600 Jahre Bruder Klaus

2017 feiern wir den 600. Jahrestag von Niklaus von Flüe (1417–1487). Nach einem erfolgreichen Leben in Beruf, Familie und Gesellschaft zog er mit 50 Jahren in den nahegelegenen Ranft, eine Hangterasse im Melchaatobel beim Flüeli im Kanton Obwalden. Dort lebte er 20 Jahre, betete, fastete, dachte nach und empfing mehr und mehr Besucher. Der Einsiedler im Ranft berührte die Menschen seiner Zeit in ihrem Innersten. Aus nah und fern reisten Män-ner und Frauen herbei, um sich von Bruder Klaus, wie er nun genannt wurde, beraten und stärken zu lassen. Bis heute hält diese Verbundenheit und Kraft an.

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(Fenster in der Bruder-Klausen-Kapelle beim Bildungszentrum Burgbühl, St. Antoni) 

Niklaus von Flüe gehört zu den wirkungsmächtigsten Leitfiguren der Schweiz. Er ist auch heute ein Vorbild in Mystik und Spiritualität, Gesellschaft und Politik sowie als Mensch mit seinen Stärken und Schwächen. Sein Lebensweg ist ohne das Einverständnis seiner Frau Dorothee Wyss nicht denkbar. Für einen persönlichen Zugang zu Niklaus von Flüe ist es hilfreich, dieses gemeinsame Ringen mit Dorothee als Teil seines Lebensweges zu verstehen.

In einer Zeit der Selbstverwirklichung steht ein Mensch quer in der Landschaft, dessen Lebensziel darin bestand, ganz in Gott die absolute Freiheit zu finden. Niklaus von Flüe steht für eine Welt mit tiefgreifenden Werten, echten Begegnungen und persönlicher Bescheidenheit. Dazu gehören Verzicht und Gottessuche, stetes Bestreben nach Vermittlung und Ausgleich ebenso wie sein positiv geprägtes Gottesbild und seine Visionen, deren archaische Kraft uns staunen lässt. Das Gedenkjahr bietet die Gelegenheit, Niklaus von Flües Persönlichkeit und seine zeitlosen Kernbotschaften neu zu entdecken.

Ist seine versöhnende Vermittlertätigkeit nicht gerade jetzt besonders notwendig, in unserer individualisierten und oft auf Eigennutz fokussierten Gesellschaft? Als Mittler zwischen Sprach- und Kulturregionen, zwischen Konfessionen und Menschen aus aller Welt? Niklaus von Flüe hat uns zu aktuellen Herausforderungen viel zu sagen. Nutzen wir die Chance zu einem spannenden und fruchtbaren Dialog mit einem der bedeutendsten Mystiker, Mittler und Menschen.

«Mehr Ranft» lautet das Leitmotiv des Gedenkjahres. Dieser identitätsstiftende, spirituelle Kraft- und Sehnsuchtsort nahe dem geografischen Zentrum der Schweiz ist ein Ort der Stille, des Gebets, eine Oase des Friedens und Innehaltens.
 
«Mehr Ranft» steht – zusammen mit Niklaus von Flüe als herausragende und geschichtswirksame Mittlerfigur – für ein Ankommen ebenso wie für ein Mehr an Rückzug und Reflexion, ein Mehr an Ruhe und Meditation, ein Mehr an Gelassenheit und Genügsamkeit, ein Mehr an Zuhören und ein Weniger an Ich-Bezogenheit.
 
Die Frage nach dem Wesentlichen des Menschseins steht im Zentrum des Gedenkjahres. Es geht um Stille, um Intensität und um Begegnungen, nicht um Spektakel. Das Ziel ist, Denkanstösse in die Welt hinaus zu tragen.
 
(Aus: Trägerverein «600 Jahre Niklaus von Flüe» (Hg): Niklaus von Flüe 1417–2017. Mystiker - Mittler - Mensch. Einführung in Leben und Wirken von Niklaus von Flüe sowie Einführung in das Gedenkjahr 2017, S. 5.)